Motorradfahrer sparen nicht nur sich selbst Zeit. Sie sorgen auch dafür, dass Autofahrer schneller ans Ziel kommen. Klingt nach einer ziemlich gewagten Behauptung? Eine belgische Verkehrsstudie liefert dafür erstaunlich gute Argumente.
Wer regelmäßig mit dem Motorrad unterwegs ist, kennt die Situation: Der Verkehr steht, die Autos reihen sich Stoßstange an Stoßstange, und irgendwo dazwischen versucht ein Motorradfahrer, seinen Weg durch den morgendlichen Berufsverkehr zu finden.
Manche Autofahrer reagieren darauf mit Unverständnis. Andere machen bereitwillig Platz. Dabei gibt es einen guten Grund, Motorradfahrern gegenüber etwas entspannter zu sein: Sie können dazu beitragen, dass auch alle anderen weniger lang im Stau stehen.
Das ist übrigens nicht nur die Meinung von uns Motorradfahrern.
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Zehn Prozent Motorräder können viel verändern
Bereits 2011 untersuchte das belgische Forschungsunternehmen Transport & Mobility Leuven (TML), was passieren würde, wenn ein Teil der Pendler vom Auto aufs Motorrad umsteigt.
Dafür wurde der morgendliche Berufsverkehr auf der Autobahn zwischen Leuven und Brüssel mithilfe eines Verkehrsmodells simuliert. Im Mittelpunkt stand eine einfache Frage: Was verändert sich, wenn zehn Prozent der Autofahrer ihr Auto stehen lassen und stattdessen mit dem Motorrad zur Arbeit fahren?
Das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Im ursprünglichen Szenario verloren Autofahrer während der stärksten morgendlichen Verkehrsspitze rund 14 Minuten gegenüber einer Fahrt ohne Stau. Wurden zehn Prozent der Autos durch Motorräder ersetzt, sank dieser Zeitverlust auf nur noch sechs Minuten.
Acht Minuten weniger im Stau – und das, obwohl nur jeder zehnte Autofahrer auf zwei Räder umgestiegen ist.
Auch der Stau selbst löste sich deutlich schneller auf. Während er im ursprünglichen Szenario erst gegen 9:10 Uhr verschwand, war die Strecke mit dem höheren Motorradanteil bereits um 8:30 Uhr wieder frei.
Unter Berücksichtigung zusätzlicher Verkehrseffekte errechneten die Forscher eine Verringerung der gesamten stauabhängigen Zeitverluste um rund 40 Prozent.
Weniger Stau bedeutet auch weniger Verbrauch
Der Vorteil endet aber nicht bei der eingesparten Zeit.
Viele Motorräder und Roller benötigen im Alltag weniger Kraftstoff als ein durchschnittlicher Pkw. Und wenn der Verkehr insgesamt flüssiger läuft, müssen auch Autofahrer weniger Zeit im Stop-and-go-Verkehr verbringen.
Die belgischen Forscher untersuchten deshalb nicht nur die Verkehrsbelastung, sondern auch die Auswirkungen auf die Emissionen.
Ihr Ergebnis: Im untersuchten Szenario konnten die gesamten schadstoffbedingten Umweltkosten um rund sechs Prozent sinken. Ein wesentlicher Teil dieser Verbesserung entstand durch den flüssigeren Verkehrsablauf.
Natürlich ist deshalb nicht jedes Motorrad automatisch umweltfreundlicher als jedes Auto. Verbrauch, Antrieb, Emissionsklasse und Fahrweise spielen eine Rolle. Aber die Studie zeigt, dass kleinere Fahrzeuge im Berufsverkehr durchaus Vorteile für das gesamte Verkehrssystem bringen können.
Und was heißt das für Österreich?
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Man muss nur einmal zur Hauptverkehrszeit auf der Wiener Südosttangente unterwegs sein, um zu wissen, dass wir über jede Entlastung froh sein könnten.
Ob auf der A23, auf den großen Einfallsstraßen nach Wien oder im täglichen Stadtverkehr: Wenn weniger Menschen alleine in einem Auto sitzen, bleibt mehr Platz für alle.
Natürlich lassen sich die Ergebnisse aus Belgien nicht eins zu eins auf Österreich übertragen. Verkehrsaufkommen, Infrastruktur und Pendlerverhalten unterscheiden sich. Dazu kommt, dass Motorradfahren bei Schnee, Eis und winterlichen Temperaturen für die meisten keine realistische Alternative darstellt.
Aber gerade in der wärmeren Jahreszeit könnten Motorräder und Roller für viele Pendler eine sinnvolle Ergänzung zu Auto und öffentlichen Verkehrsmitteln sein.
Und ganz nebenbei macht der Arbeitsweg auf zwei Rädern meistens auch deutlich mehr Spaß.
Beim nächsten Motorrad im Rückspiegel einfach daran denken
Wir Motorradfahrer wissen ohnehin, warum wir lieber auf zwei Rädern unterwegs sind. Es geht nicht immer darum, möglichst schnell von A nach B zu kommen. Manchmal reichen schon ein paar Kurven auf dem Heimweg, um nach einem langen Arbeitstag wieder einen freien Kopf zu bekommen.
Aber vielleicht sollten auch Autofahrer gelegentlich daran denken, dass der Motorradfahrer vor ihnen nicht einfach nur ein weiteres Fahrzeug auf der Straße ist.
Er könnte sogar dazu beitragen, dass sie früher zu Hause sind.
Also: Beim nächsten Motorrad im Rückspiegel ruhig ein bisschen Platz lassen, wenn es die Verkehrssituation erlaubt. Natürlich ohne riskante Manöver – und obendrein gilt auch für Motorradfahrer, dass nicht jede Lücke automatisch zum Durchfahren einlädt.
Und wer selbst einmal ausprobieren möchte, wie sich der Arbeitsweg auf zwei Rädern anfühlt, sollte es einfach tun.
Mehr Platz auf der Straße, weniger Zeit im Stau und ein breites Grinsen unter dem Helm. Klingt eigentlich nach einem ziemlich guten Deal.
Und mal ehrlich: Wann habt ihr zuletzt ein Motorrad vor einer Psychiaterpraxis parken gesehen? 😉