Keine Rennen am Sonntag, ein verletzter Titelanwärter und ein unsicherer Rennkalender: Nach dem abgesagten Australien-GP spitzt sich der Kampf um die MotoGP-Weltmeisterschaft 2026 weiter zu.
Ein MotoGP-Wochenende, das eigentlich mit einem historischen Abschied enden sollte, hat die Weltmeisterschaft gehörig durcheinandergewirbelt. Statt eines letzten Rennens auf Phillip Island gab es Regen, eine Absage und zwei emotionale Ehrenrunden. Sportlich bleibt vor allem eine Erkenntnis: Marc Márquez führt die WM mit zehn Punkten Vorsprung auf den verletzten Jorge Martín an – und vier geplante Rennwochenenden vor Saisonende ist nahezu alles offen.
Foto: KTM
Dazu kommt eine weitere Unsicherheit: Der Grand Prix von Katar steht wegen der angespannten Sicherheitslage im Nahen Osten erneut in der Diskussion.
Kein Rennen zum Abschied von Phillip Island
Ausgerechnet beim letzten MotoGP-Gastspiel auf Phillip Island spielte das Wetter nicht mit. Anhaltender Regen und schlechte Sicht sorgten am Sonntag für massive Verzögerungen. Zunächst wurden die Rennen der Moto3 und Moto2 abgesagt, schließlich traf es auch die Königsklasse.
Entscheidend war dabei nicht allein der Zustand der Strecke. Die eingeschränkte Sicht verhinderte einen sicheren Betrieb des medizinischen Rettungshubschraubers. Ohne die erforderliche medizinische Einsatzbereitschaft durfte das Rennen nicht gestartet werden.
Für die Fans war es ein bitteres Ende einer Ära. Phillip Island gehört seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Strecken im MotoGP-Kalender. Die schnellen Kurven, die Lage direkt am Meer und die oft spektakulären Rennen haben den Kurs zu etwas Besonderem gemacht.
Immerhin blieb den Zuschauern ein letzter gemeinsamer Moment: Die MotoGP-Piloten absolvierten zwei Ehrenrunden hinter dem Safety-Car und verabschiedeten sich auf der Start-Ziel-Geraden vom Publikum.
Ab 2027 zieht der Australien-Grand-Prix auf einen neuen Stadtkurs in Adelaide um.
Foto: Ducati
Márquez übernimmt die WM-Führung – doch die Absage hilft auch Martín
Die eigentliche Dramatik begann bereits am Samstag.
Jorge Martín war mit zwei Punkten Vorsprung auf Marc Márquez nach Australien gereist. Im Sprint lieferten sich beide einen intensiven Kampf an der Spitze, bis Martín in Runde acht in Kurve 8 stürzte.
Márquez gewann das Sprintrennen und übernahm damit die WM-Führung. Sein Vorsprung auf Martín beträgt nun zehn Punkte, Marco Bezzecchi liegt 50 Zähler hinter dem Ducati-Star.
Für Márquez hätte der Sonntag eine große Gelegenheit werden können. Martín war nach seinem Sturz bereits für das Hauptrennen für nicht startberechtigt erklärt worden. Der Spanier auf der Ducati hätte seinen Vorsprung also möglicherweise deutlich vergrößern können.
Doch das Wetter verhinderte genau dieses Szenario.
Durch die Absage wurden am Sonntag keine weiteren WM-Punkte vergeben. Márquez bleibt zwar Spitzenreiter, Martín verliert aber trotz seines verletzungsbedingten Ausfalls keinen zusätzlichen Boden.
Ein abgesagtes Rennen könnte damit noch erheblichen Einfluss auf den Ausgang der Weltmeisterschaft haben.
Aprilia hofft auf Malaysia: Wie schnell kann Martín zurückkehren?
Nach dem schweren Sprintsturz war zunächst von zwei möglichen Brüchen im rechten Unterarm die Rede. Weitere Untersuchungen brachten allerdings eine vorsichtig positive Nachricht.
Eine Computertomografie bestätigte ausschließlich eine nicht verschobene Fraktur der distalen Speiche. Der ursprüngliche Verdacht auf eine zusätzliche Verletzung der Elle bestätigte sich nicht.
Aprilia erklärte daraufhin, dass Martín nicht zur Behandlung nach Spanien zurückreisen werde. Stattdessen soll die notwendige medizinische Versorgung in den kommenden Tagen vor Ort erfolgen.
Auch Aprilia-Racing-Chef Massimo Rivola äußerte sich zur Situation. Martín werde beim kommenden Rennwochenende in Malaysia beim Team sein. Ob er dort auch im Rennoverall antreten könne, sei allerdings noch offen.
Die Entscheidung ist nachvollziehbar: Für einen Fahrer im Titelkampf zählt derzeit jeder Tag.
Eine nicht verschobene Fraktur ist zwar günstiger als ein komplizierter Bruch, bleibt aber eine ernsthafte Verletzung. Ob Martín auf dem körperlich anspruchsvollen Sepang International Circuit tatsächlich fahren kann, hängt vom Heilungsverlauf und der medizinischen Freigabe ab.
Ein Start in Malaysia ist somit eine Möglichkeit, aber keineswegs gesichert.
Foto: Aprilia Racing
Bezzecchi bleibt ein Faktor im Titelkampf
Während sich vieles auf das Duell zwischen Márquez und Martín konzentriert, sollte Marco Bezzecchi nicht abgeschrieben werden.
Der Aprilia-Pilot liegt 50 Punkte hinter der WM-Spitze. Bei vier noch geplanten Rennwochenenden ist das ein beträchtlicher Rückstand, aber kein mathematisch aussichtsloser.
Mit bis zu 37 Punkten pro regulärem Wochenende können die Abstände schnell schrumpfen – insbesondere dann, wenn einer der beiden führenden Fahrer ausfällt.
Die jüngsten Leistungen von Aprilia zeigen zudem, dass der Hersteller grundsätzlich das Potenzial besitzt, um Siege mitzufahren. Entscheidend wird sein, diese Geschwindigkeit in entsprechende Resultate umzusetzen.
Katar: Findet das Rennen am 8. November überhaupt statt?
Zusätzliche Spannung bringt der Blick auf den verbleibenden Rennkalender.
Der Katar-Grand-Prix war ursprünglich für April vorgesehen und wurde wegen der geopolitischen Lage im Nahen Osten auf den 8. November verschoben.
Doch auch der neue Termin steht unter einem Fragezeichen. Die Sicherheitslage in der Region sorgt weiterhin für Diskussionen, und mehrere MotoGP-Piloten haben öffentlich Bedenken hinsichtlich einer möglichen Reise nach Lusail geäußert.
Die Veranstalter halten derzeit am geplanten Rennen fest und betonen, dass die Sicherheit aller Beteiligten Priorität habe.
Eine offizielle Absage für Katar liegt bislang nicht vor.
Sollte das Rennen dennoch ausfallen, hätte das erhebliche sportliche Folgen. Statt vier würden nur noch drei Rennwochenenden verbleiben. Für Martín und Bezzecchi wäre damit auch die Zahl der möglichen Gelegenheiten geringer, ihren Rückstand auf Márquez aufzuholen.
Der MotoGP-Kalender bis zum Saisonfinale
| Grand Prix | Renntermin |
|---|---|
| Malaysia – Sepang | 1. November |
| Katar – Lusail | 8. November |
| Portugal – Portimão | 22. November |
| Valencia – Ricardo Tormo | 29. November |
Vier Rennwochenenden stehen aktuell noch im Kalender, insgesamt wären damit maximal 148 WM-Punkte zu vergeben.
Für Márquez geht es darum, seine knappe Führung zu verteidigen. Martín kämpft nicht nur gegen seinen größten Rivalen, sondern zunächst gegen die Zeit. Bezzecchi wiederum muss jede Gelegenheit nutzen, wenn er noch ernsthaft in den Titelkampf eingreifen will.
Und über allem steht die Frage, ob der Rennkalender tatsächlich wie geplant zu Ende gefahren werden kann.
Phillip Island sollte einen würdigen Abschied von der MotoGP erleben. Stattdessen hat der Regen dafür gesorgt, dass die Weltmeisterschaft noch einmal eine völlig neue Dynamik bekommt.
Zehn Punkte Vorsprung, ein verletzter Titelkandidat und vier geplante Rennwochenenden: Ein spannenderes Drehbuch für die letzten Wochen der Saison lässt sich kaum vorstellen.